W.A. Mozart FIGARO'S HOCHZEIT
Premiere am 27.Oktober 2004 Hamburger Kammeroper
Susanna: Catherine Healey, Graf: Michael Müller-Deeken, Cherubino: Constance Heller

Cherubino und Susanna

Cherubino: Constance Heller Figaro: Erik Frithjof "Nun vergiss, leises Flehn, süßes Kosen"
DIE WELT
FeuilletonFigaro ist dran - Der klingt auch am Handy bezaubernd
Acht Jahre lang hat Hamburgs Kammeroper Allee Theater auf hohem Niveau gekämpft, ohne jegliche Subvention köstliche Trouvaillen ausgegraben und in deutscher Fassung aufgeführt. Mit Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" wurde nun die neunte Spielzeit eingeleitet, und man glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. Nicht, weil hier sehr pfiffig Texte aus Beaumarchais gegen den Adel aufmüpfige Komödie "Der tolle Tag" verwendet werden, sondern weil plötzlich Musik aus dem Siebenmann-Orchester kommt, die atmet und strömt und in sinnlich filigraner Leuchtkraft so klingt, wie man sich Mozart wünscht. Klaus Dieter Jung, dem neuen musikalischen Leiter des Hauses, ist dieses Wunder gelungen, dessen Geheimnis, nach offenkundig harter Arbeit, so einfach erscheint, wenn man ihm zuschaut und zuhört. Er atmet mit den Musikern und den Sängern, und irgendwie fügt sich dadurch alles aufs Wunderbarste. Jetzt aber ist an der Max-Brauer-Allee ein neues Buch aufgeschlagen, dessen erstes Kapitel wir mit allergrößtem Vergnügen genossen haben.
Viele Türen, einen Ohrensessel, ein Bettgestell, mehr brauchen Regisseur und Bühnenbildner zunächst nicht, um in "Figaros Hochzeit" die Maschinerie des praktizierten und vereitelten Seitensprungs in Gang zu setzen. Im "bequemsten Zimmer" des gräflichen Schlosses, das Figaro (Erik Frithjof) und Susanna (Catherine Healey) nach der Hochzeit für eheliche Freuden zur Verfügung gestellt wird. Bequem, weil für jedermann zugänglich, besonders für den Grafen (Michael Müller-Deeken), der bei der kecken Zofe das Jus primae noctis zu gern wieder zur Anwendung brächte. Alles läuft schief, der Graf ist mehrfach der Düpierte, er geht auf die Knie, die Gräfin (Anna Sommerfeld) verzeiht, und wir gehen glücklich nach Hause.
Diese Inszenierung wirkt so charmant und leichtfüßig selbstverständlich auf allen Ebenen amouröser Planungen und intriganter Vereitelungen - bei denen schon mal moderne Kommunikationsmittel wie Handys und Laptop eingesetzt werden - daß man sich auch vollkommen unbeschwert dem Genuß der Stimmen hingeben kann, die besonders im Falle der Gräfin und Susannas in perfekter Harmonie klingen, ergänzt durch den jungen, sehr gerade geführten Mezzo von Constan
ce Heller als Cherubino. Nichts wirkt erzwungen, selbst wenn der Graf den Damen zupackend an die Wäsche geht, die Barbara Hass aufs Feinste entworfen hat. Jubel.
Gräfin: Anna Sommerfeld "Hör mein Flehen, o Gott der Liebe"
HAMBURGER MORGENPOST 29.10.2004
Intimität ist ein Luxus
Susanna: Catherine Healy Figaro: Erik Frithjof Marcellina: Claudia Römer Bartolo: Marius Adam
Hamburger Abendblatt
29.10.04Frauenlist siegt im "Figaro"
Die Regie läßt die Darsteller im ersten Akt munter durch Betten und verschiebbare Türen (Bühne: Walter Perdacher) tollen, robben und stolpern; dabei wird auch eifrig geslapstickt und lüstern ans korsettgestützte Dekollete gegrapscht. [...]
Als die Ouvertüre - schmissig gespielt vom vorzüglichen kleinen Allee-TheaterEnsemble unter Leitung des neuen Musikchefs Klaus Dieter Jung - vorm zweiten Akt nachgeliefert wird, entpuppt sie sich jedoch bald als Startschuß: Jetzt geht die Party richtig Ios.
Denn nun gibt die Regie Mozarts herrlicher Musik und dem boulevardesken Text (pfiffig aktualisiert von Kostümbildnerin Barbara Hass) mehr Raum. Bringt seine Pointen - wie den natreengesüßten Morgentee und manch anderen hübschen Anachronismus zur Rokoko-Optik - gezielt ins Schwarze. Und hat außerdem in der US-Sopranistin Anna Sommerfeld als Gräfin nicht nur die überragende Sängerin des Abends am Start, sondern auch eine höchst charismatische Darstellerin mit wahrhaft hinreißender Bühnenpräsenz.
Plötzlich gewinnt das gesellschaftskritische Verwirrspiel um gräfliche Geilheit, pubertierende Pagen und zünftigen Zofencharme - Fazit: Frauenlist siegt über Männerbrunst! - an Tempo. Und beschert dem begeisterten Premierenpublikum im ausverkauften Allee-Theater einen [...] insgesamt kurzweiligen Abend.

W.A. Mozart Figaos Hochzeit Finale 2.Akt (Basilio: Guido Pikal)
Fotos: aus Videoaufnahme M.Leinert
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